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Pflegende Angehörige endlich entlasten und wertschätzen

Nicole Anger, gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke, sagt in der Landtagsdebatte um die Lage der Pflege in Sachsen-Anhalt:

„Pflegende Angehörige sind der größte Pflegedienst unserer Gesellschaft – sie sind es, die den Großteil der Pflegearbeit leisten, oft unter schwierigen Bedingungen und ohne angemessene Unterstützung. Dennoch bleiben sie unsichtbar. Ihre Care-Arbeit findet abseits der öffentlichen Wahrnehmung statt, sie wird nicht ausreichend gewürdigt. Das dürfen wir so nicht länger hinnehmen.

Die Pflege und der Betreuungsbedarf ändern sich ständig in ihrer Art und Intensität. Während es in manchen Fällen um kleine Hilfestellungen geht, erfordert die Betreuung von Menschen mit schweren Erkrankungen, wie Demenz, eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr.

Wenn wir von Pflegenden Angehörigen reden, reden wir hier nicht nur über Paare im Rentenalter, die den Partner oder die Partnerin pflegen, wir reden auch über Kinder, die ihre Eltern pflegen. Aber auch die umgekehrte Situation tritt ein, dass Eltern ihr Kind pflegen. Pflege und folglich pflegende Angehörige gibt es in jeder Lebensphase und Konstellation.

Trotz bestehender Pflegeversicherung fühlen sich viele Familien alleingelassen. Die Unterstützungssysteme greifen oft nicht oder sind viel zu kompliziert. Oft wissen die betroffenen Familien gar nicht, welche Leistungen ihnen eigentlich zustehen. Nicht nur die emotionale Belastung ist hoch. Auch die finanzielle Situation ist oft prekär, pflegende Angehörige sind oft von Armut bedroht. Aber auch ihr Gesundheitszustand ist im Vergleich zu Nicht-Pflegepersonen deutlich schlechter.

Besonders Frauen trifft diese Belastung hart: 70 Prozent der pflegerischen Sorgearbeit wird von Frauen geleistet. Die Konsequenzen sind gravierend: nicht selten muss die eigene Erwerbstätigkeit reduziert oder ganz aufgegeben werden, was nicht nur zur unmittelbaren Einkommensminderung führt, sondern auch langfristig Auswirkungen auf die Rentenansprüche hat. Altersarmut ist für viele pflegende Angehörige eine direkte Folge dieser ungerechten Verhältnisse.

Die Pflege von Angehörigen ist ein massiver Risikofaktor für die eigene psychische und physische Gesundheit und kann in die soziale Isolation führen. Wenn ein Pflegefall in der Familie eintritt, übernehmen Angehörige diese Aufgabe oft aus Liebe und Pflichtgefühl. Aber seien wir ehrlich: Nicht selten ist es auch die Angst vor den hohen Kosten einer stationären Pflege. Denn die Preise in Pflegeheimen steigen rasant, und die Eigenanteile für Pflegebedürftige und ihre Familien sind kaum noch zu stemmen.

Und auch die Angst davor, dass die Angehörigen dort nicht die Zuwendung bekommen, die sie eigentlich benötigen → über den Personalmangel im stationären Bereich sprachen wir hier schon wiederholt. Dies alles beeinflusst die Entscheidung der Familien. Wenn der Pflegefall eintritt, müssen sich die Angehörigen durch einen Dschungel aus Bürokratie kämpfen, ihre Rechte selbstständig einfordern und mit unzureichenden Beratungsangeboten zurechtkommen.

Menschen, die bereits oftmals eine telefonische Pflegeberatung durchlaufen haben, fühlen sich nicht umfänglich über ihre Leistungsansprüche informiert. Die Krankenkassen haben eine Pflicht zur Pflegeberatung, allerdings – so wurde uns berichtet - muss man wissen, welche Fragen man stellen muss. Man wird gefragt, was man wissen will. Das weiß man aber nicht, wenn man gerade erst in diese Situation gekommen ist.

Viele berichten, dass sie sich in einer akuten Pflegesituation von den zuständigen Stellen im Stich gelassen fühlen. Das fehlende Wissen führt häufig dazu, dass entlastende Angebote und Leistungen nicht genutzt werden, obwohl pflegende Angehörige dringend Entlastung benötigen. Das ist insbesondere nach Feierabend oder auch an Wochenenden der Fall, wenn Ansprechpartner:innen bei Behörden, Pflegekassen und Diensten nicht mehr erreichbar sind.

Es gibt zwar einzelne Maßnahmen – aber oft sind sie kaum bekannt. Ein Beispiel dafür sind die Nachbarschaftshelfer:innen. Für viele Menschen, die einfach helfen möchten, die unterstützen wollen beim Einkauf, im Haushalt ist es eine völlig neue und ungewohnte Situation, sich plötzlich registrieren und sogar schulen lassen zu müssen. Wer jahrelang selbstverständlich den Gehweg für die ältere Nachbarin vom Schnee befreit hat, fragt sich: Warum brauche ich nun eine offizielle Anmeldung und eine Ausbildung? Diese bürokratischen Hürden stehen der Bereitschaft zur Hilfe oft im Weg – und genau das müssen wir ändern!

Die oftmals unvermittelt eintretende Pflegesituation ist eine Ausnahmesituation, die die Betroffenen auch emotional sehr stark belastet. Ein Umstand, der zu Überforderung und Hilflosigkeit führen kann. Deshalb wünschen sie sich eine Beratung, die sie dann mit ihren Problemen nicht allein zurücklässt. Viele Fragen ergeben sich außerdem erst im Verlauf einer Pflegesituation bzw. wenn sie sich verschlechtert. Daher fordern wir ein Lotsensystem, welches durch das unübersichtliche System von Sozial- und Versicherungsleistungen und von ambulanten Hilfsangeboten führt.

Einfacher wäre es, wenn ein Lotse die einzelnen Schritte vorgibt und diese dann nach einem Plan abgearbeitet werden können. Also eine professionelle Begleitung durch Pflegelots:innen, die Angehörige durch das System führen, sie über ihre Rechte informieren und bei der Organisation der Pflege helfen – auch dann, wenn die pflegenden Angehörigen in Urlaub fahren möchten, Erholung oder eine Reha brauchen.

Ferner braucht es ein Servicetelefon für Notfälle: Angehörige brauchen eine zentrale Anlaufstelle, die rund um die Uhr erreichbar ist – gerade für akute Notfälle außerhalb der regulären Sprechzeiten. Pflegende Angehörige sind oft hilflos, wenn sie selbst erkranken oder aufgrund von Notfällen plötzlich ausfallen. Manche verzichten sogar auf eigene Gesundheitsmaßnahmen wie OPs, Rehas, um ihre zu pflegenden Angehörigen nicht allein zu lassen. Hier müssen wir dringend unterstützen. Da kann die unabhängige Pflegeberatung sehr weiterhelfen, da sie keine Eigeninteressen vertritt, sondern einzig die individuelle Situation und die Bedarfe der Betroffenen und ihrer pflegenden Angehörigen im Blick hat. Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass Pflegearbeit endlich den Stellenwert bekommt, den sie verdient.“

 

Magdeburg, 21. Februar 2025

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