Inobhutnahmen auf Höchststand – „Sleep-In“-Einrichtungen als Scheinlösung
Aus der Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage der Abgeordneten Nicole Anger, kinder- und jugendpolitische Sprecherin der Fraktion die Linke, geht hervor, dass die Zahl der Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen in Sachsen-Anhalt in den letzten Jahren drastisch gestiegen ist. 6.505 Minderjährige wurden zwischen 2020 und 2023 aus ihren Familien herausgenommen – 2023 allein über 2.000. Dazu sagt Nicole Anger:
„Die Inobhutnahme ist eine Maßnahme des Kinder- und Jugendhilferechts, die dann greift, wenn eine akute Gefährdung des Kindeswohls besteht. Diese Entwicklung ist jedoch ein Warnsignal. Wenn jedes Jahr mehr Kinder und Jugendliche aus ihren Familien herausgenommen werden müssen, stimmt etwas Grundlegendes im Hilfesystem nicht mehr. Diese Zahlen zeigen eine Überforderung der Kinder- und Jugendhilfe im Land. Wenn jährlich Tausende Kinder in akute Not geraten, ist das nicht nur eine persönliche Tragödie für jedes einzelne Kind – es ist auch ein politisches Versagen.
Inobhutnahme ist immer der letzte Schritt, wenn alle anderen Hilfen zu spät kommen, gar nicht greifen oder einfach fehlen. Besonders alarmierend ist dabei die Dauer, die Kinder und Jugendliche in Obhut verbringen. Zwar liegt die durchschnittliche Verweildauer laut Landesregierung bei rund 45 Tagen – doch in vielen Fällen dauerte die Unterbringung über zweieinhalb Jahre. Wenn Kinder über Monate oder gar Jahre in einer akuten Kriseneinrichtung bleiben, zeigt das: Es fehlt an funktionierenden Anschlussstrukturen. Was als kurzfristiger Schutz gedacht war, wird zur Dauerlösung – und das ist mit dem Anspruch kindgerechter Hilfe nicht vereinbar.
Besonders kritisch ist dabei das Aufkommen sogenannter „Sleep-In“-Einrichtungen, niedrigschwellige Notschlafstellen für Jugendliche. In Sachsen-Anhalt gibt es derzeit zwei: eine im Burgenlandkreis und seit Mai 2025 eine weitere in Magdeburg. Aber Sleep-In' ist keine Lösung, sondern eine Ergänzung in der Jugendhilfe. Es ist ein Schlafplatz – nicht mehr und nicht weniger. Beratung, Begleitung, echte Perspektiven werden dort nicht geboten. Und genau das ist das Problem.
Die Landesregierung räumt selbst ein, dass es keine einheitlichen Standards oder Qualitätskriterien für diese Form von Unterbringung gibt. Es fehlen konzeptionelle Grundlagen, Fachstandards und eine klare Einbettung in das Hilfesystem. Diese Einrichtungen sind weder eine Antwort auf komplexe Lebenslagen noch ein Schutzraum im eigentlichen Sinne. Sie sind ein Ausdruck davon, dass das Land jungen Menschen, die durch jedes Raster fallen, nichts mehr anzubieten hat – außer einem Bett für eine Nacht.
Wir brauchen ein Hilfesystem, welches nicht nur verwaltet, was kaputt geht, sondern eines, das schützt, begleitet und stärkt. Es braucht endlich wieder eine Kinder- und Jugendpolitik, die Prävention ernst meint und finanziert.“
Zur entsprechenden Anfrage an die Landesregierung.
Magdeburg, 10. Juli 2025

