20. Januar 2012

Hans-Jörg Krause zu TOP 10: Eiweißpflanzenanbau in Sachsen-Anhalt

Mit dem Antrag wird ein Thema aufgegriffen, über das wir im Ausschuss unbedingt beraten und perspektivisch zielstrebig verfolgen sollten. Die Entwicklung im Feldfutteranbau im Allgemeinen und beim Anbau von Eiweißpflanzen bzw. bei Leguminosen im Besonderen in den zurückliegenden 20 Jahren ist geradezu dramatisch.
Seit 1990 ging allein der Anbau von Luzerne von ca. 50.000 ha (!) auf ca. 4.000 (!) ha zurück. Die Entwicklung der Vermehrungsfläche ist entsprechend. Vor zehn Jahren wurden in Sachsen-Anhalt noch 2.398 ha Leguminosen zur Vermehrung angebaut. 2009 waren es nur noch 1.160 ha.

Dabei wäre es möglich, über einen wieder stärkeren (Körner-) Leguminosenanbau, insbesondere also über die Ackerbohne, Lupine, Erbse und über die Krone der Futterpflanzen, die Luzerne, aber auch über Klee und Kleegras wertvolles rohprotein- und mineralstoffreiches Futter für die Tierbestände bereitstellen zu können.
Auf tiefgründigen, nährstoffreichen Böden (Magdeburger Börde) ist es unter Beachtung einer wissenschaftlichen Fruchtfolge (nach Seifert) vorteilhaft, wenn z. B. der Luzerneanbau hier 12 bis 15 % der Ackerfläche einnimmt.

Die Globalisierung bzw. Liberalisierung der Agrarmärkte führte jedoch dazu, dass heute etwa 80 Prozent der eingeführten Kraftfutterkomponenten auf Soja und Sojaschrotbasis entfallen. Davon verbraucht Deutschland 4,7 Millionen Tonnen pro Jahr.
Die ökologischen und sozialen Auswirkungen sind dramatisch.
In den Exportländern wird eine beachtliche landwirtschaftliche Fläche nur für die Versorgung der Tierbestände in den Ländern Europas gebunden. Allein für die Versorgung der Bestände in Deutschland sollen in den zurückliegenden Jahren jährlich mehr als 2,5 Mio. ha Anbaufläche in Ländern außerhalb Europas in Anspruch genommen worden sein.

Das ist nicht nur Fläche, die in vielen dieser Länder zur Beseitigung von Hunger und Unterernährung fehlt, sondern gleichzeitig werden auch tagtäglich Tausende Subsistenzwirtschaften zerstört und damit unzählige Menschen aus ihren traditionellen Lebensräumen vertrieben. Hunger, Verarmung und die Zerstörung der Regenwälder ist die Folge einer so ausgerichteten Agrarpolitik.

Die Auswirkungen sind aber auch für unsere eigene Landwirtschaft fatal. Mit dem Rückgang des Leguminosen- und Feldfutteranbaus wird auf wertvolle phytosanitäre und  die Bodenfruchtbarkeit verbessernde Effekte und Maßnahmen verzichtet. Die Luzerne z. B. sichert eine mehrjährige Bodenbedeckung und durchwurzelt den Boden bis in eine Tiefe von über drei Meter. Das heißt, sie beschattet, lockert, durchlüftet und drainiert den Boden ohne zusätzlichen Energieaufwand. Mit Blick auf die Vernässungs-, Grundwasser- und Erosionsprobleme in unserem Land ein nicht unwichtiger Aspekt.

Ein ausgewogener Ackerfutterbau in der Fruchtfolge ist außerdem immer auch ein Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt und zur Stärkung der Biodiversität. Hier sind auch die Agrarwissenschaften gefordert, wieder stärker die Themen der konventionellen Landwirtschaft aufzugreifen und wissenschaftlich zu bearbeiten. Immerhin wirtschaften etwa 90 % aller Landwirte nach wie vor auf herkömmliche Weise  nach dem Prinzip der „guten fachlichen Praxis“. Allein die Befassung mit der Gentechnik bzw. Agrogentechnik kann nicht der Weißheit letzter Schluss sein.

Unter diesen Gesichtspunkten sind wir gehalten, auf die Ausgestaltung der europäischen und eigenen Agrarpolitik kritisch Einfluss zu nehmen.

Bei der Erarbeitung der Operationellen Programme sind außerdem alle  jetzt schon bestehenden Möglichkeiten zur Förderung des Eiweißpflanzenanbaus auszuschöpfen.
Das heißt, Förderprogramme sind nicht nur zu erarbeiten, um sie dann wegen mangelnder Nachfrage im Sande verlaufen zu lassen,  sondern sie sind vor allem auch offensiv anzubieten.

Gerade mit Blick auf die vielerorts geäußerte Kritik an der Bodenbewirtschaftung ist hier Politik gefordert, für die Landwirtschaft akzeptable Rahmenbedingungen zu schaffen.
Rahmenbedingungen, die an Stelle von Nachsorge und Heilung den Landwirten gestattet, wieder mehr Feldfutter in die Fruchtfolge zu stellen und in der eigenen Tierhaltung mit größerem Anteil verwerten zu können.

Unter solchen Voraussetzungen wäre es durchaus denkbar, über die Aufnahme einer regional gerechtfertigten Quote für den Anbau von Eiweißpflanzen bzw. Leguminosen nachzudenken und offensiv zu diskutieren.