Was macht eigentlich eine gute Lehrerin oder einen guten Lehrer aus? Erinnern Sie sich vielleicht an Ihre eigene Schulzeit, überlegen Sie, welche Lehrer Ihnen ganz besonders im Gedächtnis geblieben sind und was diese auszeichnete. Würden wir jetzt allerdings alle Ihre Vorstellungen zusammenfassen, dann würde sicherlich ein Idealbild entstehen, äußerst komplex, äußerst anspruchsvoll. Lassen Sie mich deshalb die sehr kurze und, wie ich finde, prägnante Antwort eines Schuljungen aus der Schweiz zitieren, die er gab, als ihn der Kinderarzt Remo Largo fragte, wie er sich denn so seine Lehrer vorstellen würde und wünschte. Er sagte darauf: Lehrer sollten eine gute Ausstrahlung haben, sonst verderben sie uns den ganzen Tag.
Ausstrahlung hatten sie, die Absolventinnen und Absolventen des Ausbildungsseminars, die in Halle am 12. Dezember des vergangenen Jahres feierlich ihre Abschlusszeugnisse überreicht bekamen. Dennoch mischte sich nach der Rede einer Absolventin in die feierliche Stimmung ein bitterer Beigeschmack, der sich noch verstärkte, als uns, den Vertreterinnen und Vertretern aus der Politik, ein offener Brief zur Situation der Lehramtsanwärter im Vorbereitungsdienst überreicht wurde. Er beschäftigt sich kritisch mit zwei Aspekten, mit der Arbeitsbelastung und mit der Betreuungssituation.
Nun mag der eine oder andere von Ihnen sicherlich denken, dass die jungen Leute von heute einfach nicht mehr so belastbar seien und dass sie oft viel zu empfindlich reagierten.
Aber so leicht sollten wir es uns dann wohl doch nicht machen, auch und gerade deshalb, weil junge, gut ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer in Sachsen-Anhalt bereits Mangelware sind und es zukünftig immer mehr sein werden.
Sicherlich müssen wir nun angehende Lehrerinnen und Lehrer in unserem Bundesland nicht gleich unter Artenschutz stellen. Dennoch hat die Politik die Aufgabe, den notwendigen Rahmen zu schaffen, damit Ausbildung gelingt und alle Akteure in diesem Bereich ein förderliches Umfeld vorfinden. Das ist unsere Aufgabe, dafür sind wir da. Deshalb sollten wir die nicht nur an dieser Stelle geäußerte Kritik und die Sorgen ernst nehmen und hinterfragen.
Aus einer der wahrscheinlich bedeutsamten Studien in Deutschland zur psychischen Gesundheit in Berufen mit erhöhter Belastung - wir haben soeben darüber gesprochen; das betrifft insbesondere die Bewältigung psychischer Anforderungen bei Lehrkräften, landläufig „Lehrerstress“ genannt - wissen wir, dass sich Lehrerinnen und Lehrer vor allen anderen im Rahmen der Studie untersuchten Berufsgruppen besonders belastet fühlen.
Mich hat ganz besonders getroffen gemacht, dass das nicht nur für Kollegen gilt, die bereits 20 oder 30 Dienstjahre hinter sich haben, sondern dass sich Burnout- und Stresssymptome zunehmend auch bei ganz jungen Leuten, bei Lehramtsstudenten und Referendaren zeigen. Das sind Zahlen, die uns aufhorchen lassen sollten.
Während die einen, die sich in der Ausbildung befinden, nach ihrer Identität, nach ihrer Rolle suchen, werden andere mit veränderten Bedingungen konfrontiert. So wurde in Sachsen-Anhalt im Jahr 2007 die Lehramtsausbildung in der zweiten Phase neu gestaltet, modularisiert.
Allerdings möchte ich auf das vorgelegte Ausbildungskonzept eingehen. Dieses Ausbildungskonzept sollte uns genauer interessieren, denn wenn man es sich inhaltlich genauer betrachtet, so stellt man fest, dass Themen wie Gender, Inklusion, der Umgang mit Heterogenität und Strategien des Selbst eher unterrepräsentiert sind. Ich habe mir sagen lassen, dass dieses Konzept nicht ganz unkritisch gesehen wurde.
Hier stellt sich auch die Frage, wie die ständige Entwicklung der Arbeit der Seminare in unserem Bundesland gewährleistet ist, wie die Seminarleiter vor dem Hintergrund neuer Anforderungen durch förderliche Fortbildungen begleitet werden.
Die Erhöhung der Kapazitäten an den Seminaren - wir haben das ausdrücklich befürwortet und wünschten uns mehr - hatte eine Erhöhung der Zahl der Ausbilder zur Folge. Jemand, der vom Lehrerberuf in die Lehrerausbildung wechselt, muss seine Rolle auch neu definieren. Er muss sich vom Lehrer, vom Unterrichtenden zum Berater wandeln. Dazu bedarf es ebenfalls einer intensiven Begleitung. Hier stellt sich die Frage, wie werden diese neu ernannten Ausbilderinnen und Ausbilder auf ihre Rolle vorbereitet.
Ich möchte noch einmal auf das Ausbildungskonzept zurückkommen. Dieses war für einen Ausbildungszeitraum von 24 Monaten konzipiert worden. Im letzten Jahr wurde die zweite Phase der Lehrerausbildung auf 16 Monate verkürzt. Insofern sei mir die Frage gestattet, wie sich die Verkürzung der Ausbildung dann auf die inhaltliche Gestaltung des Ausbildungskonzeptes auswirkt. Wer über eine Verkürzung von Ausbildung nachdenkt, der darf die erste Phase nicht ausblenden, der muss das Ganze im Blick haben, die erste und die zweite Phase der Lehrerausbildung. Wir wünschen uns bei der Analyse, um die wir die Landesregierung bitten, dass man gerade auch über ein Zusammengehen und eine bessere Koordination der ersten und der zweiten Phase in der Lehrerausbildung nachdenkt.
Erhöhte Ausbildungskapazitäten, mehr angehende Lehrerinnen und Lehrer sind gut. Aber angehende Lehrerinnen und Lehrer können natürlich nicht im Schonraum des Seminars unterrichtet und ausgebildet werden. Nein, sie brauchen die Praxis, denn - das sagen Studien der Hirnforschung - angehende Lehrerinnen und Lehrer lernen nicht anders als Schüler, aktiv und am Modell.
Deshalb kommt den Ausbildungsschulen eine große Bedeutung zu. Deswegen möchten wir auch die Situation der Ausbildungsschulen genau analysiert wissen. Wir wollen wissen, wie die Lehreranwärter dort untergebracht werden, wie sie sich fühlen, wie sie begleitet werden und wie die Mentoren auf ihre neue Aufgabe vorbereitet werden. Die meisten Lehrerinnen und Lehrer in unserem Bundesland sind schon etliche Jahrzehnte im Schuldienst. Sie haben ihre Ausbildung vor 20 oder 30 Jahren durchlaufen. Seitdem hat sich im Bereich der Schule viel geändert. Auch wenn wir gern darüber schmunzeln, wenn wir den Spruch hören „Lehrer haben vormittags Recht und nachmittags frei“ - so ist es wirklich nicht mehr in der Schule.
Schule ist Leben. Das Leben hat sich verändert. Die Gesellschaft hat sich verändert. Die Anforderungen an die Schule haben zugenommen. Es gibt neue Wege des Lernens, die in unsere Schulen Eingang finden müssen, damit wir diesen Anforderungen gerecht werden können. Auch Mentorinnen und Mentoren brauchen Wissen darüber, welche neuen Möglichkeiten des Lernens es gibt, damit es zu weniger Konfliktpotenzial an den Ausbildungsschulen kommt und damit beide, die Anwärterinnen und Anwärter, die Studienreferendarinnen und -referendare und ihre Mentorinnen und Mentoren voneinander profitieren. Deswegen möchten wir wissen, wie die Mentoren an den Schulen für ihre Aufgabe qualifiziert werden, damit sie der Belastung, die mit der Ausbildung eines Referendars einhergeht, auch gewachsen sind.
Es geht uns in unserem Antrag nicht darum, dass wir Patentrezepte suchen. Patentrezepte für guten Unterricht gibt es nicht. Wenn es so ein Patentrezept gäbe, dann hätte ich es gern gefunden, um es mir patentieren zu lassen.
Aber es gibt eine Vielfalt von Möglichkeiten, die zu erkennen nur möglich ist, wenn wir gründlich analysieren. Das wünschen wir uns. Wir wünschen uns eine gründliche Analyse der Situation, die auch das darstellt, was schwer zu messen ist, nämlich die Persönlichkeit. Hier komme ich auf die Antwort des Schuljungen zurück, auf die Ausstrahlung. Das Land Sachsen-Anhalt braucht für die Zukunft gut qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer. Wir als Politiker haben die Aufgabe, die nötigen Rahmenbedingungen dafür zu schaffen.