6. Oktober 2011

Birke Bull zu TOP 12: Pädagogische Konzepte in Kindertagesstätten und Schulen

Mit dem Bildungsprogramm „Bildung elementar“ hat in der pädagogischen Arbeit der Kitas in der Tat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Das ist ein großes Wort, aber ich denke, das trifft trotzdem den Kern, weil es ein anderes, ein völlig neues Verständnis von Bildungsarbeit generell ist. Es geht darum, in Lernsituationen beispielsweise auf Vorgaben von außen, wie Lehrpläne, vorgegebene Themen, Vorhaben etc., weitgehend zu verzichten, weil man davon ausgeht, dass Kinder im Grunde lernen wollen und dass sie im Grunde sehr neugierig sind und sehr viel eigene Fragen, Vorstellungen und Interessen mitbringen, auf denen man gut aufbauen kann, die ein wunderbarer Ausgangspunkt für Lernsituationen sein können, und eben weniger ein vorgegebener Themen- oder Stundenplan.  

Man nennt das Ganze konstruktive und nicht so sehr instruktive Arbeit. Es wird gemeinsam von den Erzieherinnen und Kindern entwickelt und es wird nicht so sehr etwas vorgegeben, angewiesen oder bestimmt. Für Erzieherinnen und Erzieher ist das eine außerordentliche Leistung, weil es mit dem Großteil an bisherigen Auffassungen und Arbeitsweisen bricht. Es verlangt von Erzieherinnen und Erziehern sehr viel Reflexion über die eigene Arbeit und vor allem sehr viel Bereitschaft, sich auf etwas völlig Neues einzulassen. Das erfordert offene Arbeit, das erfordert Zurückhaltung. Das ist für Pädagogen bekanntlich die Herausforderung schlechthin. Es wird gemeinhin verwechselt mit: Keine Regeln.  

Für die Eltern heißt das unter Umständen wiederum, zum Beispiel auf die jährliche Karte zum Frauentag oder auf eine Karte zum Advent usw. zu verzichten, nämlich dann, wenn die Kinder keine Lust haben oder für sich in dem Moment andere Prioritäten setzen. Das heißt, man muss sich darauf einlassen, dass es die feste Gruppe nur noch sehr eingeschränkt gibt und dass unter Umständen auch auf der Elternseite sehr viel Geduld nötig ist, ohne gleich einzugreifen, zum Beispiel wenn ein Kind zunächst erst einmal „keinen Bock“ darauf hat, sich naturwissenschaftlichen Dingen zu widmen. Das braucht eben seine Zeit. Dabei Zurückhaltung zu wahren, ist mitunter nervenaufreibend, sowohl für Eltern als auch für Erzieherinnen.  

Aber ich glaube, dass sich diese Umstellung lohnt, weil das für Kinder die Möglichkeit eröffnet zu lernen, eigene Entscheidungen zu treffen. Und es knüpft direkt vor Ort an mitgebrachtes Interesse und an Neugier an und das ist bekanntlich die beste Voraussetzung für Lernerfolge.  

Die Arbeit in der Schule ist aus anderem Holz gemacht, sie funktioniert traditionell nach einem anderen Verständnis von Bildungsarbeit. Das Verständnis von Unterricht kommt nicht von ungefähr von Unterrichtung. Hierbei geht es eher um Vorgaben, um Normierung - nicht zu verwechseln mit Normen diese gibt es auch in der Kita. Hierbei geht es eher um einen vorgegebenen Plan.  

Im Unterricht ist die Entscheidungsfreiheit der Kinder etwas eingeschränkt, wenngleich man auch dazu sagen muss: Der Frage, ob die Entscheidungsfreiheit von Kindern nicht erweitert werden muss, um günstige Lernsituationen zu schaffen, stellen sich auch sehr viele Lehrerinnen und Lehrer. Und in vielen Schulen, vor allem in Grundschulen, hat sich auch das Verständnis von Unterricht sehr verändert.  

Worin besteht nun das Problem? Ein Idealfall wäre es, beide Institutionen würden voneinander lernen und auch Schule würde sich verändern, zum Beispiel durch eine Flexibilisierung von Unterricht mit dem Einsatz von mehr offenen Methoden, mit mehr offenem Unterricht, mehr Entscheidungsfreiheit für die Kinder, mit mehr selbst organisiertem Lernen. In diesem Sinne wäre es gut, wenn Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer neugierig wären auf die gänzlich andere Arbeit von Erzieherinnen, wenn beide Professionen voneinander lernen könnten und wollten, und wenn Kinder nicht die gleiche, aber eine ähnliche Art des Lernens auch in der Schule wieder fänden. Aber wir sind von diesem Idealfall noch ein gehöriges Stück entfernt. Noch zu viele Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer kennen den Grundansatz von „Bildung elementar“ noch nicht. Das gipfelt in solchen Sätzen wie: Dort kann jeder machen, was er will, keiner macht, was er soll, und alle machen mit. Zu oft auch beklagen Erzieherinnen, dass eine Begegnung auf Augenhöhe mit Grundschullehrkräften für sie noch nicht wirklich erlebbar ist. Meines Wissens ist das Interesse an einer gemeinsamen Fortbildung ein sehr einseitiges.  

Das Schwierigste wäre es, wenn Kindern auf diese Weise der Übergang von der Kita in die Grundschule unnötig erschwert wird, weil das Verständnis von der Art der Lernsituation fehlt, aus der die Schulanfängerinnen und Schulanfänger kommen. Um nicht missverstanden zu werden: Es geht nicht darum, die Kita zur Vorschule zu machen, und es geht auch überhaupt nicht darum, in der Grundschule die Art und Weise der Bildungsarbeit, wie sie in der Kita stattfindet, fortzusetzen. Aber die Zusammenarbeit soll mehr sein als die Gestaltung eines reibungsarmen organisatorischen Übergangs. Es geht um eine inhaltliche Vernetzung dieser beiden sehr unterschiedlichen pädagogischen Systeme und Konzepte.  

Es wäre ein Gewinn für alle, für Lehrkräfte, für Erzieherinnen, für Kinder und für Eltern, wenn wir ein optimales Miteinander hinbekommen würden. Es geht darum, einfach ein Stück weit Neugier aufeinander zu haben, Neugier und Respekt. Es geht um die Bereitschaft, in gemeinsamen Fortbildungen, auf institutionalisierten Plattformen, über Erfahrungsaustausche voneinander zu lernen. Es geht um ein Stück mehr konzeptionelle Gemeinsamkeit, auch um den Austausch von Methodik und Didaktik.  

Ich vermute, der Kultusminister wird anschließend sprechen und wird bestimmt sagen: Das tun wir alles schon und im Übrigen sind wir dabei sowieso schon auf dem besten Wege. Es ist in der Tat so, dass die schuladministrativen Regelungen im Grunde alle den Hinweis auf das Bildungsprogramm „Bildung elementar“ enthalten. Und Grundschulen sehen eine halbe Lehrerwochenstunde für die Zusammenarbeit mit Kitas vor. Aber zu fragen wäre auch: Wie sieht es aus mit der Qualität der Konzepte und der Kooperationsvereinbarungen zwischen Schulen und Kitas, zu der die Grundschulen verpflichtet sind? Oder: Welche Rolle spielt „Bildung elementar“ eigentlich in der so genannten Anleitung durch das Landesverwaltungsamt?  Wie sieht es aus mit dem Angebot an gemeinsamen Fortbildungsmöglichkeiten, wie werden diese denn wahrgenommen, wie werden sie von Erzieherinnen wahrgenommen, wie werden sie von Grundschullehrkräften wahrgenommen? Wie sieht es aus mit der konzeptionellen Zusammenarbeit zwischen den Experten des einen Ministeriums und den Experten des anderen Ministeriums, des einen, das für Grundschule zuständig ist, und des anderen, das für frühkindliche Bildung zuständig ist?
Welche Zusammenarbeit gibt es eigentlich mit den Autorinnen von „Bildung elementar“? Welche Rolle spielt „Bildung elementar“ beispielsweise auch in den Grundzügen der Ausbildung von Grundschullehrkräften? Gibt es regelmäßige Plattformen?

Es gibt eine ganze Menge Fragen.
Das, was uns tatsächlich aufgescheucht hat, war der Satz, der nur bedingt von Interesse, nur bedingt von Neugier und auch nur bedingt von Respekt gegenüber der Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher in den Kitas zeugt. Das war für uns das Alarmsignal, dass etwas getan werden muss, denn es wäre das Schlechteste, wenn das auf dem Rücken der Kinder ausgetragen würde.