27. Oktober 2017

Hendrik Lange zu TOP 6c: Aktuelle Debatte "Insektensterben - dramatisch still"

Insekten und Blütenpflanzen verbindet eine Koevolution über Jahrmillionen hinweg. Insbesondere die Bienen spielen dabei eine große Rolle. Die gemeinsame Entwicklung in der Erdgeschichte bedingt dabei die große Abhängigkeit voneinander. Ohne Bestäuber werden die Blütenpflanzen nicht befruchtet – ohne genügend Blütenpflanzen können die Bestäuber nicht leben.

Diese gegenseitige Abhängigkeit ist von hoher Bedeutung für den Schutz der Biodiversität, aber eben auch für die Nutzung von Pflanzen und besonders der Bienen in der Landwirtschaft. Der Mensch hat also durch seine intensive Nutzung der Natur eine hohe Verantwortung. Denn der Verlust von Biodiversität schlägt unmittelbar auf die eigene Existenz zurück.

Ich habe mal bewusst den gleichen Einstieg wie meine Kollegin Hildebrand in der letzten Sitzung gewählt. Denn die Debatten sind eng verknüpft. Und die jetzt so stark diskutierten Befunde zeigen, dass es eben nicht nur um unsere fleißigen Honigsammlerinnen geht, sondern um alle Insekten. Hier zeichnet sich eine ökologische Krise sonders gleichen ab. Denn Insekten sind Nahrungsgrundlage für ein ganzes Nahrungsnetz. Nicht nur Vögel, sondern auch Kriechtiere Lurche und auch Säugetiere ernähren sich von ihnen. Und das Ausmaß des Insektensterbens und seine Wirkung sind bereits deutlich erkennbar. – Übrigens hat ja der Umweltausschuss bereits im Mai Experten zu diesem Thema angehört. Wenn man sich das Protokoll durchliest fällt auf, dass die Ministerin bereits in dieser Debatte von einer Studie aus NRW berichtet hat, die einen bis zu 80 prozentigen Rückgang der Biomasse an Insekten festgestellt hat. Das ist auch mal interessant, wie die Medien darauf reagieren – neu war das jedenfalls in der letzten Woche nur bedingt. Und die Gefahr besteht, dass es mal den kurzen Lauten Aufschrei gibt – aber das langfristige Bearbeiten des Themas ausbleibt. Umso wichtiger ist es, dass Politik an dem Thema dran bleibt und endlich gehandelt wird. Denn der Stumme Frühling ist realer denn je! Die Ministerin hat im Ausschuss von einem Rückgang der Vogelarten der Normallandschaft von bis zu 84% gesprochen. Und selbst in Schutzgebieten ist ein dramatische Niedergang der Arten zu beobachten. Was der Verlust eines so wichtigen Bestandteils des ökologischen Netzes – wie der Insekten – bedeutet, lässt sich nur zum Teil beobachten und vieles wird uns böse überraschen.

Und wir kommen nicht umhin uns mit den Ursachen auseinanderzusetzen, auch wenn das hier einigen nicht passt. Denn wir haben schlichtweg nicht das Recht dermaßen fahrlässig mit der Natur umzugehen! – auch dann nicht, wenn unsere eigenen Lebensgrundlagen nicht bedroht sin. Aber das sind sie ja. Das kommt zur moralischen Verpflichtung noch hinzu!

Viele Faktoren sind sicher für das Insektensterben verantwortlich. Der Klimawandel mag einer davon sein. Und das stimmt für gewisse Arten, die an unser Klima angepasst sin ganz sicher. Wir reden hier aber von einem Rückgang der Gesamtbiomasse. Und das muss andere Ursachen haben die ziemlich sicher auch in der intensiven Nutzung der Flächen zu suchen sind. Und ja, hie ist die Landwirtschaft mit verantwortlich.

In der genannten Anhörung hat Herr Dr. Wogram vom Umweltbundesamt klare Worte gefunden. Er hat klar die Verantwortung der immer intensiveren Nutzung der Flächen durch die Landwirtschaft benannt.

Die Geschichte von den spezifisch wirksamen Pestiziden ist ein Märchen. Die ausgebrachten Pflanzenschutzmittel wirken eben nicht nur auf Schadinsekten, sondern direkt oder indirekt über die Nahrungsnetze auf viele andere. Insektizide und Herbizide treffen eben auch andere Arten. Und das ist in den Habitaten, wie Ackerlebensräumen und Feldsäumen genau das Problem. Die Lebensräume sind für viele Arten keine mehr. Deswegen sollten mehr Ausgleichsflächen geschaffen werden auf denen ganz bewusst aus den Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden verzichtet wird.

Ich gehöre nicht zu den Leuten, die den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln gänzlich verbieten wollen. Diese Debatte gibt es und auch sie hat ihre Berechtigung. Ich möchte jedoch, dass der Einsatz von Pestiziden zur Ultima Ratio wird. Zudem müssen die externen Kosten des Pflanzenschutzes internalisiert werden. Dazu kann eine Abgabe auf Pestizide dienen, die auch eine gewisse Lenkwirkung entfaltet. Die Einnahmen sollten dann für das sogenannte Greening verwendet werden – also dem Wiedererschließen bzw. Schaffen von Lebensräumen. Klug sollten die Agrarumweltmaßnamen kombiniert werden. Blühstreifen an Gewässersäumen haben eben mehrere Funktionen -Gewässerschutz und Lebensraum.

Es müssen mehr Agrarumweltmaßnahmen gefördert werden und der bürokratische Aufwand darf nicht zu hoch sein. Mehr Brachflächen sind notwendig um einen besseren Schutz der Fauna zu erreichen. Die Habitatverluste müssen zurückgehen und kompensiert werden. Habitatverbünde sollten Wanderungsbewegungen erleichtern. Denn Insekten fliegen nicht ewig weit. Somit können sie auch weiter entfernte nutzbare Habitate nicht besiedeln. Und unseren Städten kommt eine große Bedeutung zu. Denn mittlerweile sind sie Rückzugsort für viel Arten geworden.

Ja, Forschung ist wichtig. Z.B. auf welches Entwicklungsstadium von Insekten Pflanzenschutzmittel welche Wirkung haben. Oder ein Pestizidmonitoring.

Aber viele Wirkungen und Ursachen sind auch schon erkannt – sie müssen aber auch mal zur Kenntnis genommen werden – und wir allen müssen die Konsequenzen ziehen.

Wir haben: Das Kühn Institut QLB; die Agrarwissenschaften an Uni und HS Anhalt; Exzellente Biowissenschaften in Halle; Das iDIV; Das UFZ. Frau Ministerin ich kommen zu meinem Aufruf von gestern – lassen sie uns diese geballte Kompetenz nutzen. Schnappen sie sich den Kollegen Willingmann und führen sie die Projekte zusammen damit Politik wissenschaftsbasiert die richtigen Entscheidungen treffen kann.

Und eins nehme ich aus der Anhörung auch ernst. Ohne Taxonomen kann man den Artenrückgang nicht einschätzen. Gerade in der InsektenForschung hat die Uni Halle eine große Tradition. Wer mal da ist kann sich die Burmeistersammlung mal ansehen – und ich erliege nicht der Versuchung von einem Naturkundemuseum zu sprechen. Die Ausbildung von Taxonomen ist also fundamental wichtig – nicht nur, weil wir längst nicht alle Arten kennen und diese entdeckt werden sollten – sondern um auch die ökologischen Folgen unseres Handelns zu beobachten und einzuschätzen. Deshalb haben sie sicher schon mit Herrn Willingmann über die von Prof. Moritz angesprochene unbesetzte Professur in Halle gesprochen.

Da wo wir Erkenntnisse haben müssen wir dringend handeln. Das Insektensterben ist real und der Niedergang vieler anderer Arten dramatisch. Das gefährdet nicht nur die Natur sondern auch uns Menschen. Handeln wir endlich!