25. Oktober 2018

Hendrik Lange zu TOP 21: Den naturwissenschaftlichen Sammlungen der Martin-Luther-Universität einen angemessenen Rahmen geben

Anrede,

Sammlungen werden von Menschen seit Jahrhunderten angelegt. Sie bewahren Wissen und durch Forschungen an den Sammlungen kann neues Wissen generiert werden. Gut angelegte und wissenschaftlich begleitete Sammlungen sind daher ein bedeutendes Kulturgut, das es zu bewahren, zu pflegen und zu erweitern gilt.

Ein solches Kleinod der Naturwissenschaften befindet sich in Halle und nennt sich ganz nüchtern Zentralmagazin der Naturwissenschaftlichen Sammlungen – kurz ZNS. So nüchtern der Name auch ist – die Bedeutung der Sammlungen ist kaum hoch genug einzuschätzen. Sie sind europaweit einzigartig und in Teilen von weltweiter Bedeutung. 5 Sammlungen genießen sogar besonderen Staatlichen Schutz als „National wertvolles Kulturerbe“. Dazu gehören u.a. die historischen Fotoglasplatten von Julius Kühn mit Abbildungen von Nutztieren, die weltweit einzigartige Geiseltalsammlung mit ihren Fossilien (von denen das Urpferd wohl am berühmtesten ist) oder auch die Sammlung von Max Schönwetter. Seine Sammlung umfasst über 19000 Eier von mehr als 3800 Tierarten.

Allein die Zoologische Sammlung umfasst ca. 2,5 Mio Exemplare, darunter ausgestorbene Tierformen und faunistische Erst- bzw. Seltenheitsnachweise. Besonders die mehreren tausend Typen machen die Sammlung außerordentlich bedeutend. Denn Typen sind die Präparate, an denen die wissenschaftliche Erstbeschreibung vorgenommen wurde. Sie dienen daher dem Vergleich, wenn eine neue Art beschrieben werden soll.

Diese seit über 230 Jahren zusammengetragene Sammlung zieht jährliche viele Wissenschaftler aus aller Welt an. Aus eigener Erfahrung weiß ich, welche Freude es macht mit diesen Exemplaren das Bestimmen von Tieren zu erlernen. Die Exemplare werden zu wissenschaftlichen Zwecken verliehen oder in Museen ausgestellt. Unter den Exemplaren befinden sich auch viele Tiere, die erstmals aus Brasilien nach Deutschland kamen – was nun nach dem Großbrand im Brasilianischen Nationalmuseum umso bedeutender für das Wissenserbe der Welt ist. Die Zoologischen Sammlungen locken viele tausend Besucher im Jahr an. Und wer mal das dichte Gedränge zwischen den historischen Vitrinen zur Langen Nacht der Wissenschaften erlebt hat, weiß, hier brauchen wir dringend Lösungen zur Präsentation.

In der Ausstellung Klimagewalten kann man sehen, wie Exponate aus der Geiseltalsammlung für die Öffentlichkeit zur Geltung kommen können. Vor 45 Mio Jahren lebten diese Tiere und Pflanzen (Eozän). Damals war es 10 Grad wärmer auf der Erde. Das Urpferd, welches im Geiseltal erstmals entdeckt wurde habe ich schon genannt. Aber auch die Krokodilarten von denen übrigens fünf landlebend waren oder auch der Riesenlaufvogel als damals größtes landlebendes Wirbeltier zeigen die Besonderheiten der Lebewesen vor Urzeiten. Sie sind Zeugnisse der Evolution und tragen zum verstehen der Natur von damals bei.

Was passieren kann, wenn die Sammlungen in einem schlechten Zustand sind oder gar ein Katastrophenfall, wie der Großbrand in Brasilien, Sammlungen vernichtet, haben wir durch den Verlust des Welterbes in Brasilien auf erschreckende Weise vor Augen geführt bekommen. Und es tut weh zu erfahren, dass Teile der mineralogischen Sammlung nach dem Hochwasser von 2013 schimmeln. Man kann sich ausmalen was es bedeutet, wenn die einzigartigen Exemplare des Museums für Haustierkunde über das Jahr hinweg Temperaturschwankungen von 50 Grad ausgesetzt sind. Gleiches gilt für die Geiseltalsammlung deren Einbettmedien entsprechend empfindlich sind. Und man will sich einen Brand in den Zoologischen Sammlungen nicht vorstellen – eine Katastrophe für das Wissen der Welt.

Die Naturwissenschaftlichen Sammlungen brauchen eine würdige, sichere und gut betreute Unterbringung. Dafür gibt es seitens der Martin-Luther-Universität die weit gediehene Überlegung, ein Zentralmagazin am Domplatz und an der Mühlpforte zu errichten und die Sammlungen dort zentral zu magazinieren. Derzeit lagern rund 4,9 Mio Objekte an verschiedenen Standorten unter z.T. unhaltbaren Zuständen. Ein Zentralmagazin hätte nicht nur den Vorteil, dass Gastwissenschaftler und Studierende zentral betreut werden könnten. Auch Brandschutz, Diebstalschutz, Gebäudemanagement und Klimakontrolle könnten effektiver organisiert werden.

Auf diesem Vorhaben liegt das Hauptaugenmerk der Universität und darauf zielt auch der Antrag ab. Die entsprechenden Gebäude müssen dringend saniert werden. Und ich war schon einigermaßen entsetzt, dass trotz positiver Rückmeldung im Frühjahr im aktuellen Haushalt nicht mal ein Leertitel für dieses Vorhaben eingestellt ist.

Hier drängt die Zeit! Deswegen lassen Sie uns schnell handeln!

Die vielen tausend Besucher der Sonderausstellungen und zu den Öffnungszeiten zeigen das ungebremste Interesse an den Naturwissenschaftlichen Sammlungen. Projekte mit Schulklassen gemeinsam mit Partnern wie Radio Corax bringen das Wissen über die Natur schon Kindern und Jugendlichen bei. In Zeiten, wo sich Gespenster wie der Kreationismus breit machen oder wissenschaftliche Fakten als Verschwörungstheorien fremder Mächte oder der Ökolobby verunglimpft werden, ist das ein nicht hoch genug schätzbares Engagement des Teams der Sammlungen und dafür möchte ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken.

Ermöglicht wird dieser Aufwand auch durch eine Museumspädagogin, die allerdings nur befristet beschäftigt ist. Auch hier brauchen wir das Bekenntnis von Land und Uni, dass diese Form der Arbeit mit den Sammlungen dauerhaft verankert wird.

Dieser wertvolle Schatz in unserem Land verdient eine würdige moderne Präsentation. Das ist eine Chance für Aufklärung und Bildung. Das ist aber auch eine Chance für den Tourismus in Halle und im Land. Die Idee, gegenüber dem Kunstmuseum Moritzburg am Friedemann-Bach-Platz ein Naturkundemuseum zu errichten, ist daher unglaublich reizvoll. Gemeinsam mit der Leopoldina würde sich ein einzigartiges Ensemble von Kunst, Kultur und Wissenschaft mit einer internationalen Ausstrahlung ergeben. Allerdings ist das große Naturkundemuseum ein Sahnehäubchen. Zuerst muss die Unterbringung gesichert sein!

Und auch die kleine Form der Präsentation an der Mühlpforte wäre schon ein Fortschritt zum derzeitigen Zustand. Das bedeutet jedoch nicht, dass man damit auf der Stelle treten soll. Vielmehr sollte an der Realisierung des Naturkundemuseums festgehalten werden. Unsere wertvollen Sammlungen haben eine würdige Ausstellung verdient.