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20. April 2018

Thomas Lippmann zu TOP 19: Begabtenförderung stärken - Korrespondenzzirkel erhalten

Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Abschaffung der Korrespondenzzirkel mit dem Beginn dieses Schuljahres ist wieder ein-mal so eine Nacht- und Nebelaktion von Minister Tullner, bei der man sich nur die Augen reiben und mit dem Kopf schütteln kann. Ohne jeden Sinn, ohne jeden Grund. Keiner der Betroffenen versteht, was den Minister antreibt, solche Aktionen in Gang zu setzen.

Ich gehe davon aus, dass zumindest ein Teil der Abgeordneten weiß, was diese Korrespon-denzzirkel sind und weshalb es sie gibt. Unser Schulgesetz spricht im Erziehungs- und Bil-dungsauftrag der Schulen vom Recht eines jeden jungen Menschen „...auf eine seine Bega-bungen, seine Fähigkeiten und seine Neigung fördernde Erziehung, Bildung und Ausbildung". Entsprechend gibt es in Sachsen-Anhalt neben dem grundlegenden Unterrichtsangebot auch einige Angebote und Maßnahmen der Begabtenförderung im unterrichtlichen, vorzugsweise aber im außerunterrichtlichen und außerschulischen Bereich. Dazu zählen u.a. Angebote verschiedenster Träger: Sommercamps z.B. und Sommerakademien oder Schülerlabore. Das Bildungsministerium unterstützt insbesondere verschiedene Schülerwettbewerbe und eben auch das seit mehr als 25 Jahren bestehende Angebot der Korrespondenzzirkel.

Die Korrespondenzzirkel sind eine speziell in Sachsen-Anhalt entstandene Form einer de-zentralen Begabtenförderung vor allem im Bereich Mathematik und Naturwissenschaften. Es sind engagierte Lehrkräfte des Cantor- und des Siemens-Gymnasiums sowie der Latina und Angehörige der Martin-Luther-Universität, die an interessierte und leistungsstarke Schülerinnen und Schüler regelmäßig mehrmals im Schuljahr Aufgabenblätter versendet. Die Aufgaben werden dann von den Schülerinnen und Schülern bearbeitet und zurückgeschickt. Von den Leiterinnen und Leitern werden die Bearbeitungen durchgesehen, kommentiert und mit einem neuen Aufgabenblatt wieder an die Schülerinnen und Schüler verschickt.

Die Korrespondenzzirkel sind ein niederschwelliges Förderangebot, dass sich an alle Schulformen richtet und oft über die Fachlehrkräfte in den Schulen vermittelt wird. Mit diesem Angebot wurden in den letzten Jahren kontinuierlich mehr als 2.000 Schülerinnen und Schü-ler der unterschiedlichsten Klassenstufen und an den unterschiedlichsten Orten erreicht. Es ist ein Angebot, dass sich gerade auch für den ländlichen Raum besonders gut eignet und insgesamt deutlich ausgebaut und eben nicht eingestellt werden sollte. Das gilt im Übrigen auch für die Kreisarbeitsgemeinschaften. Die Zirkel sind auch ein Instrument zur Gewinnung von mehr Studierenden in den MINT-Fächern und für deren Studienvorbereitung.

Die Kosten für die Zirkel sind außerordentlich gering. Wir reden hier über nicht einmal 15.000 Euro im ganzen Jahr. Es kann nicht ernsthaft angeführt werden, dass es am Geld lie-gen würde. Es liegt ausschließlich am Verstand, also daran, ob man versteht, was hier stattfindet und was damit erreicht werden kann. Die Korrespondenzzirkel wurden dennoch vom Bildungsministerium ohne jedwede Diskussion im Zuge der Beratungen zum Doppelhalt einkassiert. Noch bevor der Haushalt überhaupt beraten, geschweige denn verabschiedet war, wurde den Leiterinnen und Leitern der Zirkel bereits im November 2016 mitgeteilt, dass die Zirkel ab diesem Schuljahr nicht mehr stattfinden können und man sich von der Unterstüt-zung durch die Kolleginnen und Kollegen dankend verabschiedet. Als Grund wurde mitgeteilt, dass es nicht möglich gewesen sei, im Landeshaushalt die bisher verfügbaren Mittel weiterhin zur Verfügung zu stellen.

An wen wenden sich die Lehrerinnen und Lehrer, die Schüler und Schülerinnen jetzt? Aktuell findet man auf dem Bildungsserver des Landes nur noch den Satz „Korrespondenzzirkel als Angebot der Begabtenförderung werden im Schuljahr 2017/18 nicht fortgesetzt“. Einen ebenso bedauernden Satz findet man auf der Seite der Martin-Luther-Universität verbunden mit dem Hinweis, dass die mathematisch interessierten Grundschülerinnen und Grundschü-ler in diesem Schuljahr lediglich die Möglichkeit haben, anhand der Aufgabenblätter der letzten Jahre und entsprechender Lösungen per Selbststudium ihre Begabung zu fördern. Liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist doch unwürdig und peinlich.

Wir haben daraufhin versucht, dieses unverständliche Vorgehen des Ministeriums durch Anfragen und eine anschließende Diskussion im Bildungsausschuss aufzuklären und zu korri-gieren. Die Aufklärung ist soweit gelungen, die Korrektur allerdings bisher nicht. Der Minister hatte in den Antworten auf die Nachfragen und in den verschiedenen Debatten erklärt, die Zirkel würden nicht mehr so angenommen, sie wären nicht effektiv und hätten sich quasi überholt. Den Nachweis für diese Thesen ist er bis heute schuldig geblieben. Es war, wie so oft bei ihm, einfach nur Gerede. Dann hat er dafür geworben, dass man doch auch einmal etwas Neues konzipieren könnte und nicht immer nur an alten Strukturen festhalten müsse. Da waren wir sehr gespannt und haben uns das dann im Ausschuss berichten lassen.

Es hat sich dann schnell herausgestellt, dass das Ministerium natürlich keine eigenen Ideen und keine Initiativen als Alternativen zu den Korrespondenzzirkeln entwickelt hat. Die Alternative soll darin bestehen, dass sich Sachsen-Anhalt an einem neuen Bund-Länder-Projekt beteiligt - mit acht ausgewählten Schulen. In diesem Projekt mit dem Titel „Leistung macht Schule“ soll über einen Zeitraum von zehn Jahren versucht werden, an Regelschulen ein schulisches Leitbild mit Ausrichtung auf eine leistungsfördernde Schulentwicklung und auf das Fördern und Fordern im Regelunterricht zu entwickeln. Anschließend sollen die Erfahrungen an den ausgewählten Pilotschulen auch anderen Schulen zugänglich gemacht wer-den. Hier geht es also um eine langfristige Entwicklung und nicht um kurzfristige Angebote.

Die Auswahl der acht Pilotschulen ist im Übrigen teilweise entgegen der Intention des Projektes erfolgt. Ich zitiere aus der Pressemitteilung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung über die Auftaktveranstaltung im Januar: „Kriterien waren u.a. die regionale Ver-teilung, die Beteiligung aller länderspezifischen Schularten, die Ausgewogenheit von Schulen mit „Expertise“ („Vorerfahrung“) und Schulen mit wenig „Expertise“, des Weiteren die Einbeziehung von Schulen mit hohem Migrantenanteil sowie sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern ...“

Ausgewählt wurden von Sachsen-Anhalt vier Grundschulen und vier Gymnasien, von denen mit dem Cantor-Gymnasium und der Landesschule Pforta, ebenso wie mit der privaten Christophorusschule Droyßig auch noch fast alle bereits über Expertise in der Begabtenför-derung verfügen. Dagegen fehlen Schulen der Sekundarstufe I völlig und von Schulen mit hohem Migrantenanteil sowie sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern kann auch nicht die Rede sein. Ob wir mit diesem Projekt bei uns erfolgreich sein werden, ist also schon wegen der die einseitige Auswahl der Schulen fraglich. Und auch die regionale Verteilung lässt mit dem Fehlen von Schulen aus dem Nordens und dem Osten des Landes zu wünschen übrig. Aber das ist jetzt so und heute auch nicht Gegenstand unseres Antrages.

Eines ist aber sicher auch nach diesen kurzen Ausführungen deutlich geworden: Die Korres-pondenzzirkel haben mit diesem neuen Bund-Länder-Projekt nichts zu tun. Beides kann sich sicher gegenseitig ergänzen, aber auf gar keinen Fall ersetzen. Es sind zwei völlig unter-schiedliche Säulen, um bei der Förderung von Begabungen und besonders leistungsfähigen Schülerinnen und Schülern weiter voran zu kommen. Denn insgesamt sind wir bei der Be-gabtenförderung ehr Entwicklungsland mit viel Luft nach oben. Deshalb begrüßen wir den Impuls aus dem Bund-Länder-Programm, aber es gilt eben, das Eine zu tun und das Andere nicht zu lassen. Wir brauchen solche Pilotprogramme, die der Bund unterstützt, wir brau-chen aber auch die Pflege bewährter Strukturen wie der Korrespondenzzirkel und auch der Kreisarbeitsgemeinschaften. Ich bitte sie, gerade unsere begabten und leistungsstarken Kin-der nicht hängen zu lassen. Deshalb soll mit unserem Antrag dem Bildungsministerium der Auftrag erteilt werden, die Korrespondenzzirkel schnellstmöglich wiederzubeleben. Die we-nigen Euro sollte uns die Förderung von Begabungen in unserem Land wert sein. Sie sind im Haushalt des Bildungsministeriums auch ohne jede Probleme zu finden, wenn man sich an verschiedenen Stellen in den schlechten Mittelabfluss anschaut. Ich finde es im Übrigen schlimm, dass wir mit solchen Anträgen immer wieder ins Plenum müssen, um den Minister zum Jagen zu tragen und seine Hausaufgaben zu erledigen.