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19. Dezember 2017

Hendrik Lange zu TOP 3: Aussprache zur Großen Anfrage "Wiederansiedlung des Wolfes - Konflikte und Koexistenz von Mensch und großem Beutegreifer in einer dicht besiedelten Kulturlandschaft"

Ich habe die Antworten auf die Große Anfrage mit großem Gewinn gelesen. Ich bin der CDU ausdrücklich dankbar für die Fragen. Denn die Anfrage und die Antworten der Landesregierung machen gleich mehreres deutlich: Zum einen lebt unsere demokratische Auseinandersetzung davon, dass auch kritische Fragen gestellt – aber eben auch bestmöglich beantwortet werden. Diesen offenen Prozess erlebt man für gewöhnlich seltener als Schlagabtausch innerhalb einer Koalition.

Beim Wolf jedoch nicht zum ersten Mal! Denn es gab ja schon die Flut allerlei kleiner Anfragen aus der CDU. Und jetzt wurde das Partner-Ministerium mit der umfangreichen Großen Anfrage traktiert. Und das gibt erneut einen interessanten Einblick in die koalitionsinternen Auseinandersetzungen.

Zum anderen hat es die Landesregierung durchaus verstanden, die Fragen in aller Nüchternheit zu beantworten. Und diese Antworten tragen tatsächlich zur Aufklärung bei. Denn eines zeigt doch die Debatte um den Wolf: Ängsten und Ideologie begegnet man am besten durch wissenschaftlich belegte Fakten und Aufklärung!

Denn es geht nicht um eine unterschiedliche Wahrnehmung von Menschen in den Städten und denen im ländlichen Raum. Vielmehr geht es um ein Verständnis von Natur und den in ihr ablaufenden Prozessen weswegen ich gerne den Dreiklang Beraten, Schützen, Entschädigen um das Wort Aufklären ergänzen möchte. Nehmen wir das Beispiel mit der angeblichen Diskrepanz von real anwesenden Wölfen und den Sichtungen: Dass diese durch den großen Bewegungsradius zu erklären ist, kann doch vor Ort für Erklärungen sorgen und Gerüchten und Verschwörungstheorien entgegen wirken. Genau so räumt eine nüchterne Betrachtung mit der Vorstellung auf, dass das Töten von Wölfen anderen Wölfen eine Lehre ist und diese sich anders verhalten. Oder wie es in der Antwort so schön heißt: „Verhaltensänderungen im Sinne von Lerneffekten durch Bejagung sind aus europäischen Ländern, die eine Bejagung durchführen nicht bekannt (z. B. Schweden, Rumänien).Die der Bejagung zum Opfer fallenden Individuen können ihre Erfahrung naturgemäß nicht an andere Individuen weitergeben.“

Interessant sind auch die Ausführungen zur Abstammung der Wölfe, den Forschungsmethoden und der Frage, wie grenzen sich Populationen ab und was ist ein günstiger Erhaltungszustand, den wir naturschutzfachlich anstreben. Die Fragen geben durchaus Einblick in die Gedankenwelt der fragstellenden Fraktion. Es kommt schon einer gewissen Bigotterie nahe, wenn auf der einen Seite Neobiota beklagt werden – das Muffelwild jedoch als einheimisch betrachtet wird, wenn es als Argument gegen den Wolf in den Kram passt. Gleichzeitig bremst die CDU alles, was in Richtung Schutz der Insekten und damit der Heimischen Vogelwelt geht.

Ich sagte es bereits in der Sitzung im Februar: Dass sich der Wolf bei uns wieder ansiedelt, dürfen wir durchaus als ein Lob der Natur an uns Menschen sehen. Ein Lob dafür, dass unsere Schutzmaßnahmen funktionieren, und ein Lob für die Einsicht, dass auch Großraubtiere zu einem funktionierenden Ökosystem gehören. Aber: Dass Wölfe wieder in unseren Wäldern leben, verunsichert viele. Und auch der respektvolle Umgang mit dem Wolf will gelernt sein; so wie wir alle gelernt haben, zu Wildschweinen einen respektvollen Abstand zu halten. Dass die Tiere scheu sind und sich eher verkrümeln, wenn der Mensch kommt, gehört dabei zur Wahrheit dazu. Und es ist alles zu vermeiden, was den Wolf an die Menschen gewöhnt- sei es im Wald oder in den Siedlungen.

Meine Damen und Herren! Da sind wir dann eben bei den realen Begegnungen mit dem Wolf, die auch in unserem Bundesland die Debatte anheizen. Ich verstehe jeden Schäfer, der wütend ist, wenn er Tiere an den Wolf verliert. Schäfer haben es ohnehin ökonomisch meist nicht ganz so einfach und jeder Verlust schmerzt. Ich sage auch, der Natur- und Artenschutz ist ein gesellschaftliches Anliegen. Das heißt auch, dass wir als Gesellschaft diejenigen unterstützen müssen, die schwierige Anpassungsleistungen dafür erbringen.

Die Unterstützung durch das Wolfskompetenzzentrum schätzen wir durchaus positiv ein. Zudem ist die Leitlinie Wolf durchaus vernünftig. Es ist mehrfach gesagt worden, dort, wo die Tiere nachweislich immer wieder Probleme verursachen, sich dem Menschen dauerhaft nähern, die Herden permanent bedrohen, sind auch heute schon Vergrämungsmaßnahmen möglich bis hin zur letztlichen Entnahme.

Meine Damen und Herren! Ja, die Anpassung daran, dass es wieder Wölfe bei uns gibt, ist mit Zumutungen verbunden. Sie ist aber auch ein Zeichen des Respekts vor der Natur. Es ist ein kultureller Erfolg, dass wir es zulassen, den Großraubtieren den Platz in der Natur zurückzugeben, den sie einst durch die von Menschen gemachte Ausrottung verloren haben. Es ist ein Anerkenntnis des Selbstwertes der Natur. In diesem Sinne sind wir aufgefordert, das Zusammenleben von Mensch und Wolf so erträglich zu gestalten.