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25. Januar 2018

Henriette Quade zu TOP 3a: Aktuelle Debatte zur 10. Meile der Demokratie und 3b: Errichtung einer zentralen Gedenkstätte für die zivilen Opferder Flächenbombardierung auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt

Als sehr junge Jugendliche fragte ich mal jemanden, von dem ich viel hielt, warum die Bomben auf Dresden im Nachhinein nicht genauso zu verurteilen seien, wie alle andere Bomben auch. Er gab mir die Tagebücher von Klemperer zu lesen. Und ich las von der unbegreiflichen Gleichzeitigkeit von Angst und Hoffnung.

Ich las wie er und seine Frau Eva sich die Judensterne in der Nacht des 13. Februar 1945 abrissen. Und ich fand die Antwort auf meine Frage. Denn so unfassbar es ist, die Alliierten Bomben nahmen nicht nur Leben, sie bewahrten auch Leben. Victor Klemperer war einer derjenigen, dessen Leben durch die Bomben bedroht wurde, der Angst hatte, der fliehen musste, Schutz suchen musste und der zugleich durch die Bomben gerettet wurde. Denn sie stoppten die Züge, die die letzten Mitglieder der einst großen jüdischen Gemeinden in die Konzentrationslager bringen sollten.

Ihre Perspektive auf die Bomben der Alliierten ist eine andere und diese Perspektiven will ich in den Mittelpunkt meiner Rede stellen.

Max Kaufmann, KZ-Häftling in Polte, beschrieb: „Die Luftalarme empfanden wir als große Erleichterung. Anfangs waren sie leider selten, aber zuletzt wurden sie immer häufiger. Mit größter Freude liefen wir in die Luftschutzkeller. Wir hörten nur noch das Geräusch von Tausenden von Flugzeugen und das Explodieren von Bomben. In den langen, schmalen, dunklen Kellern sitzend, empfanden wir diesen Lärm als Musik.“

Ralph Giordano, der als Kind einer jüdischen Mutter den Nationalsozialismus und den zweiten Weltkrieg bei und in Hamburg, aber auch in der Altmark, erlebt hat, schildert eindrücklich: „Wir hatten uns damals angewöhnt, von der »zweiten Gefahr« zu sprechen, dem Tod aus der Luft, also der tragischen Möglichkeit, von unseren Befreiern getötet zu werden, unterschieden die Bomben doch nicht zwischen Verfolgern und Verfolgten (die »erste Gefahr«, der Nazistaat, hatte sich uns schon lange vorher in dem Wort »Gestapo« synonymisiert).“ „Aber Befreier blieben sie trotzdem für uns, die angloamerikanischen Bomberbesatzungen, die Piloten, Kopiloten und Bordschützen. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, was ich dachte und wünschte, wo und wann immer ich die Kondensstreifen der Geschwader am Himmel über Deutschland sah oder eine »Fliegende Festung« in den Scheinwerferkegeln der Flakbatterien: »Kommt herunter, bitte kommt herunter und nehmt uns mit, weg von der Angst, der ewigen Angst, der schlaflosen Angst ...«“

Das sind Perspektiven, die der Wunsch nach Verurteilung der Alliierten Bomben ausblendet. Das sind die Perspektiven, die eine Fokussierung auf die deutschen zivilen Opfer allein außen vor lassen. Natürlich werden sich die Empfindungen des Kindes in Coventry, Belgrad, oder Paris nicht von denen des im nationalsozialistischen Sinne ‚deutschen Kindes‘ in Magdeburg angesichts von Fliegeralarm, Bombenangriffen und Feuerstürmen unterscheiden. Die des Kindes, das aus der „deutschen Volksgemeinschaft“ herausfdefiniert und verstoßen wurde, unterscheidet sich schon. Es sind die derer, die zu Fremden, zu „Volksschädlingen“ zu „Untermenschen“ erklärt wurden.

Es sind die Perspektiven der Schutzlosesten, der Diffarmierten, der Erschlagenen, Vergifteten und Vergasten, der Verhafteten, Internierten und Deportierten. Es sind die derer, die keinen Platz in den Luftschutzbunkern der ‚Volksgemeinschaft’ hatten, auf der das dritte Reich basierte.

Deswegen, verbietet es sich, das Bombardement der Alliierten zu verurteilen. Zweifellos war es ein Entmenschlichendes, ein bestialisches. Weil Krieg grausam ist, weil immer Gerechtigkeit im Wort geführt und doch nie erreicht wird. Doch ohne die Alliierten, ohne ihre militärische Stärke und ohne auch die Luftangriffe auf deutsche Städte, wäre der Krieg nicht beendet worden, wären die, die durch Rassenlehre, Abwertung und Entmenschlichung zum Opfer gemacht worden, die die unter deutscher Besatzung und unter politischer Feinderklärung litten nicht vom Faschismus befreit worden.

Ohne sie wäre Auschwitz nicht befreit worden. Das ‚moral bombing’ der Briten war zweifellos grausam und perfide. Dass es keinen Erfolg hatte, verweist nicht nur auf die Unmöglichkeit, mit Krieg die Vernunft geschweige denn die Menschlichkeit der Bekriegten zu erreichen. Es verweist auch auf eine bittere Wahrheit: Es war eben nur eine Kleine Minderheit der Deutschen, die gegen den Nationalsozialismus kämpfte, es war weder die Mehrheit der Arbeiterklasse noch die Mehrheit der politischen Eliten, noch die Mehrheit der bürgerlichen Mitte. Geschweige denn die, der vielfach wegen ihrer angeblich besonderen Tugenden beschworenen deutschen Generalität, die die Weimarer Republik verteidigten und die die Pogrome, Deportationen und das Morden stoppten.

Es gab keine deutsche Mehrheit, die den Nationalsozialismus verweigerte. Zudem verweist eine genaue Betrachtung insbesondere auch der Bombenangriffe auf das Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts auch auf die Falschheit der Behauptung der unschuldigen Stadt: Magdeburg hatte, genau wie Dessau, eine zentrale Rolle für die Deutsche Wehrmacht und ihre Funktionsfähigkeit, für die deutsche Kriegsstärke -sie waren eben auch strategische Ziele, in denen Rüstungsindustrie angesiedelt war, Giftgas und Munition hergestellt wurden. Und KZ-Außenlager betrieben wurden und Zwangsarbeiter bis in den Tod ausgebeutet wurden. Das gilt es auch im Blick zu haben, wenn wir der Zerstörung Magdeburgs gedenken.

Ich will noch einmal Ralph Giordano zitieren: „Als Königin Elisabeth II. Dresden 1995 einen Besuch abstattete, hätte die Queen, wäre es ihr in das Blickfeld geraten, ein Transparent mit der Aufschrift »Royal Airforce – Kriegsverbrecher« sehen können. Als der rüstige Siebzigjährige daraufhin gefragt wurde, ob für ihn die deutschen Bomberbesatzungen, die 1939 Warschau, 1940 Rotterdam und London, 1941 Coventry und Belgrad verheert hätten, auch Kriegsverbrecher gewesen seien, holte er als Antwort ein Ei aus der Tasche und warf es in Richtung der Königin, allerdings ohne sie zu treffen. Nach meinen lebenslangen Erfahrungen geht die »Internationale der Eierwerfer« stets nach dem gleichen Muster vor: Sie blendet die Vorgeschichte aus, meidet den historischen Kontext und kappt alle Kausalitäten. Keine andere Gruppe hat es mir so leicht gemacht, die Toten des Luftkrieges zu ignorieren und mich hinter meinem Empathiedefizit zu verstecken. Wobei Dresden immer das Paradebeispiel der professionellen Aufrechner und Exkulpierer war. Ich habe ihnen nie ein Wort ihrer Trauer geglaubt, keine Silbe. Die unermessliche Tragödie der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 war und ist für die »Eierwerfer« nie etwas anderes gewesen als ein Posten auf der schaurigen Liste ihrer entseelten Totenarithmetik“.

Die AfD gehört zu jenen Eierwerfern. Dieser Antrag bebildert die erinnerungspolitische Wende um 180 Grad, die Höcke und andere fordern und genau das ist einer der Gründe, warum die AfD auf keiner Meile der Demokratie zuhause ist. Dass Menschen, die sich gegen geschichtsrevisionistische und faschistische Aufmärsche von Neonazis hier in Magdeburg zusammengefunden haben, nicht mit Leuten, die dasselbe Vokabular, dieselben Feindbilder, teilweise dasselbe Personal und, wie der Antrag zeigt, auch die gleichen Themen wie eben diese Nazis haben, dass diese Menschen sich nicht mit eben dieser AfD auf eine Meile der Demokratie begeben wollen, ist nicht nur nachvollziehbar, es ist auch sehr naheliegend.

Nichts daran ist undemokratisch. Demokratie lebt nicht vom Verfahren allein, sondern vom Inhalt. Und dazu gehört, dass grundlegende Rechte für jeden Menschen, eben gerade nicht verhandelbar sind und einer Merheitsabstimmung anheim gestellt werden. Rechte, die die AfD in den Parlamenten und auf der Straße mit Füßen tritt und sich damit selbst außerhalb des demokratischen Spektrums stellt.

Deswegen ist Widerspruch gegen die AfD auf einer Meile der Demokratie nicht nur erlaubt, sondern eben auch nötig. Allen, die gegen die AfD und andere Nazis Position beziehen, die sich solidarisch mit den von ihnen Angegriffenen zeigen und die, wie am letzten Samstag, friedlich und entschlossen zugleich Widerspruch anmelden, gilt deshalb unser ausdrückliche Dank.

Demokratie heißt das Gegenteil von Neutralität. Demokratie erfordert, demokratische Räume zu schützen und das heißt sie müssen für Faschisten verschlossen bleiben. Das ist die Aufgabe, vor der Demokraten 2018 stehen. Und natürlich ist kein Zufall, dass dieser Antrag gerade jetzt kommt. Der Jahrestag der Bombardierung passt auch sehr gut zu den innerparteilichen Klärungsprozessen der AfD: natürlich führen Geschichtsrevisionismus und Antisemitismus nicht zum Ausschluss aus der AfD. Sie sind ihr Kern. Blau ist das neue Braun war der Titel der Demonstration am Samstag hier in Magdeburg. Wie sehr er stimmt, hat einmal mehr diese Debatte gezeigt.